#112 „Die 4 Verbundenheiten und die Große Trennung“ aus dem Buch „Der Stoff aus dem wir sind“ von Fabian Scheidler

Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen

Menschen können, wie alles, was lebt, niemals isoliert existieren. Wenn sie glauben, dass Sie unabhängig von ihrer Umgebung sind, halten Sie einfach Ihre Nase zu und schließen den Mund. Vielleicht halten sie ein oder zwei Minuten durch; wenn Sie trainiert sind, auch vier oder fünf. aber spätestens dann wird der Schmerz in Ihrer Lunge Sie zwingen, die Luft entweichen zu lassen und ein Stück der Außenwelt in sich hineinzusaugen. Alle Lebewesen, auch Pflanzen, Pilze und Bakterien atmen. Dabei geben sie ein Stück von sich an die Welt ab und nehmen etwas anderes aus ihr auf. Der Kohlenstoff, der bei meiner Ausatmung entweicht, war vielleicht kurz zuvor noch in meinem Muskel- oder Hirngewebe. Möglicherweise war er sogar an einem interessanten Gedanken oder oder einem intensiven Gefühl beteiligt. Kurz darauf fliegt er durch die Luft, um schliesslich von einem Baum eingeatmet und in seinen Wachstumsprozess integriert zu werden. In Form eines Apfels, den dieser Baum produziert, kann dieser Kohlenstoff später zu mir zurückkehren und zu neuer Energie, zu Bewegungen, Gedanken und Gefühlen verbrannt werden.

Die gesamte Biosphäre ist ein grosses atmendes Wesen. Wenn auf der Nordhalbkugel im Herbst die Blätter fallen und viele Pflanzen die Photosynthese einstellen, atmet die halbe Erde aus, während auf der Südhalbkugel die jungen Triebe ergrünen und den Kohlenstoff as der Luft binden. Da es auf der Nordhalbkugel allerdings wesentlich mehr Land und Landvegetation gibt, entspricht der nördliche Herbst und Winter tatsächlich einer globalen Ausatmung, bei der die CO2- Werte steigen, während sie im Frühjahr und im Sommer sinken. (Daraus ergibt sich die charakteristische Zickzacklinie der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre – die durch die Verbrennung fossiler Energieträger bekanntlich immer schneller nach oben verrutscht.)

Dieser Zyklus der globalen Atmung beruht auf unzähligen, fein austarierten und ineinander greifenden Gleichgewichten. Damit Menschen und andere Wesen leben können, muss die Luft der Atmosphäre zum Beispiel eine ganz besondere Mischung von Gasen enthalten. Kohlendioxid etwa ist in zu grossen Mengen nicht allen als Treibhausgas für die Biosphäre gefährlich, sondern auch unmittelbar für die Körperfunktionen von Menschen und Tieren. Bereis bei einer Konzentration von einem Promille CO2 ( 1000 ppm ) in der Atmosphäre setzen schon nach Stunden erste Störungen körperlicher und geistiger Funktionen ein. Bei 1400 ppm sinken die kognitiven Fähigkeiten bereits um die Hälfte. Ab 2000 ppm kommt es mittelfristig zu Demineralisierungen des Knochens, Nierenverkalkung und Schädigungen von Blutgefässen. Gegenwärtig liegt die durchschnittliche Konzentration bei gut 410 ppm – gegenüber 280 vor der Industrialisierung. Werte von über 1000 ppm werden schon heute oft in Innenstädten, geschlossenen Räumen – etwa Klassenzimmern – und klimatisierten Bereichen wie Büros, Zügen und Flugzeugen erreicht.

Das Beispiel zeigt, wie fein unsere natürliche Umgebung und unser Körper aufeinander abgestimmt sind. Die Idee, dass der M;ensch ausserhalb der Natur stehe und souverän über se verfügen könne, erweist sich schon hier als Phantasma. Wir sind Teil eines über Jahrmillionen und Jahrmilliarden entstandenen hochkomplexen Netzwerks von Kreislaufprozessen. Schon geringe Störungen darin können für uns gravierende Konsequenzen haben. Was geschehen wird, wenn wir in diese Kreisläufe eingreifen, lässt sich meist nicht vorhersehen. Dass schon bei zwei Promille Kohlendioxid in der Luft Körpergewebe zerfallen, war zum Beispiel für die Forschung eine große Überraschung. Bei ganzen Ökosystemen und der Biosphäre nehmen die unerwarteten „Nebenwirkungen“ noch einmal erheblich zu. Das liegt nicht nur an einem Mangel an Wissen, sondern auch daran, dass Lebensprozesse grundsätzlich nichtlinearer und nichtdeterministischer Art sind und sich damit der Vorhersagbarkeit entziehen. In den meisten Fällen sind die Überraschungen ausserdem unangenehmer Natur, denn das Angenehme, dem Menschen Zuträgliche, besteht gerade darin, dass die uns begegnende Welt mehr oder weniger so bleibt, wie sie war, als unsere Ahnen sich zum Homo sapiens entwickelt haben. Auf diese Art von Welt sind wir körperlich, geistig und seelisch vorbereitet, diese Art von Welt brauchen wir, um zu gedeihen und keinen Schaden zu nehmen.

Biosphärischer und gesellschaftlicher Stoffwechsel

Indem wir atmen, essen, trinken und ausscheiden, wechseln wir die Stoffe, aus denen wir bestehen, permanent aus. Innerhalb eines Jahres werden 98 Prozent aller Atome in unserem Körper ausgetauscht. Wenn wir die Vorgänge quantenphysikalisch betrachten, zeigen sich die scheinbar soliden und statischen Atome darüber hinaus als eine ununterbrochene Fluktuation von energetischen Beziehungen, die alles mit allem verbinden. Wir sind keine abgeschlossenen Objekte und auch keine souveränen Herrscher über eine außer uns stehende Natur, sondern Austauschwesen, Durchgangsorte, Transformatoren. Der Stoff, aus dem wir sind, ist nicht nur mysteriöser und weit weniger materiell, als wir glauben, sondern auch permanent im Fluss……

…..Unsere Lebensenergie ist also Teil einer Kette von Umwandlungen, die bei der Sonne beginnt. Durch unsere Ausscheidungen geben wir auch Stoffe zurück, die wiederum für Pflanzen und einige Tiere nützlich sind. Allerdings handelt es sich nicht um einen geschlossenen Kreislauf oder gar um ein Perpetuum mobile, denn der irdische Kreislauf des Lebens kann nur aufrechterhalten bleiben, indem sie Sonne sich verausgabt und uns eine Energie spendet, die ihr die Erde niemals zurückgeben kann.

Angesichts dieser Verwandlungszyklen erweist sich die Vorstellung von isolierten Individuen die abgetrennt von einer äußeren „Natur“ existieren, als absurd. Würden Pflanzen und Tiere ihre Aktivität einstellen, wären wir in relativ kurzer Zeit alle tot – auch wenn wir über noch soviel Technologie, Erdöl oder Geld verfügen.

Neben dem grossen solar-biosphärischen Stoffwechsel sind wir auch stets eingebunden in gesellschaftliche Austauschprozesse, die ein Subsystem der Biosphäre bilden. In seinem Essay Why Socialism schrieb Albert Einstein 1949: Der einzelne allein ist in der Lage, zu denken, zu fühlen, zu kämpfen, selbstständig zu arbeiten; aber er ist in seiner physischen, intellektuellen und emotionalen Existenz derart abhängig von der Gesellschaft, dass es unmöglich ist, ihn ausserhalb des gesellschaftlichen Rahmens zu sehen und zu verstehen. Es ist die „Gesellschaft“, die den Menschen Kleidung, Wohnung, Werkzeuge, Sprache, die Formen des Denkens und die meisten Inhalte des Denkens liefert, sein Leben wird ermöglicht durch die Arbeit und durch die Leistungen der vielen Millionen früherer und heutiger Menschen, die sich hinter dem Wörtchen „die Gesellschaft“ verbergen. Deshalb ist die Abhängigkeit des Einzelnen von der Gesellschaft eine Naturtatsache, die – wie im Falle von Ameisen und Bienen – nicht abgeschafft werden kann.

In den Netzwerken menschlicher Beziehungen gehr es nicht allein um den Austausch von Dingen, sondern auch und vor allem um den emotionalen Stoffwechsel. Ob wir von unseren Mitmenschen Zuwendung und Anerkennung erhalten, entscheidet wesentlich über unsere geistige, emotionale und physische Gesundheit. Anhaltende Defizite können zu schweren Depressionen und körperlichen Erkrankungen, bisweilen auch zum Tod führen…..

Der solar-biosphärische und der gesellschaftliche Stoffwechsel sind zwei Aspekte der vier Verbundenheiten, durch die wir mit unserer Mitwelt und dem gesamten Kosmos verknüpft snd. Dazu gehören auch die direkte physische Verwandtschaft aller Lebewesen auf der Erde (Kapitel 3), und die damit zusammenhängende Verbundenheit durch den Austausch von Botschaften (Kapitel 2), die gemeinsam die dritte Verbundenheit ausmachen. Jenseits der Grenzen der Erde und des Sonnensystems sind wir darüber hinaus durch ein alles durchwebendes Netz von Energiebeziehungen mit dem gesamten Universum verbunden (Kapitel 1) und haben an seiner bemerkenswerten Kreativität Teil.

Die Wissenschaften der vergangenen 150 Jahre haben – wenn auch zum Teil widerwillig – erheblich dazu beigetragen, diese Verbundenheiten sichtbar zu machen, von den klassischen Feldtheorien und der Quantenphysik über die Ökologie und Evolutionsforschung bis zur Biosemiotik. Damit haben sie sich weit von ihrem ursprünglichen Programm der Sezierung und atomistischen Betrachtung entfernt.

Die Ideologie der Trennung

Die verschiedenen Ebenen unserer Verbundenheit werden allerdings durch zwei Faktoren, die in ihrer Geschichte eng zusammenhängen, verschleiert: die technokratische Ideologie und die Herrschaft des Geldes. Wenn ich über genügend Geld verfüge kann ich zum Beispiel glauben, ich sei als souveränes, unabhängiges Individuum in einen Laden gegangen und habe mir von einem anderen autonomen Wirtschaftssubjekt mit meinem Geld meinen Computer gekauft. Doch diese Art, die Geschichte zu erzählen, blendet das grosse Netzwerk von Beziehungen zwischen Menschen und natürlichen Systemen aus, ohne die es weder einen Computer noch einen Laden, noch das Geld in meiner Tasche geben würde. Das Geld – das zusammen mit dem Atomismus im antiken Griechenland entstanden ist – nährt die Illusion, es gebe so etwas wie isolierte Individuen. Es war eines der grossen Verdienste von Karl Marx, erkannt zu haben, dass Geld im Grunde eine Chiffre für menschliche Beziehungen ist, die von der Geld- und Warenform jedoch verdunkelt werden.

Für diejenigen, die über viel Geld verfügen, ist diese Illusion äusserst nützlich, weil sie behaupten können, sie hätten Besitz und Eigentum aus eigener Kraft geschaffen – während tatsächlich Tausende von Menschen und unzählige Ökosysteme für sie gearbeitet haben. Auf diese Weise kann man auch geschickt der Frage aus dem Weg gehen, warum denn die Minenarbeiter im Kongo meist nicht einmal einen Computer haben, obwohl sie sehr hart arbeiten,, während jedem durchschnittlichen Deutschen ein ganzer Technologiepark mit Desktops, Laptops, Tablets, Smartphones, Scannern, Druckern, Spiegelreflexkameras, Autos, Elektrorollern, Saugrobotern, Spielzeugrobotern, Schwingschleifern, Rasenrobotern, 4K – Fernsehern, Mikrowellengeräten, Stereoanlagen und so weiter zur Verfügung steht.

Die Maske des Geldes verdunkelt so das grosse Netz menschlicher Beziehungen ohne das wir nicht existieren könnten. Die systematische Ausbeutung eines Teils der Menschheit durch einen andern kann so unsichtbar bleiben. In analoger Weise verschleiert das mechanistische Weltbild unsere Beziehungen zur nichtmenschlichen Sphäre und liefert auf diese Weise die Grundlage einer endlosen Ausbeutung der Natur. Wenn alles nur aus toten, unverbundenen Atomen besteht, dann ist nichts Verwerfliches dran, die Welt in Stücke zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Und wenn diese passiven Teilchen linearen, berechenbaren Gesetzen gehorchen, dann lassen sie sich auch durch menschlichen Willen steuern und beherrschen.

Obwohl die mechanistische Weltsicht sich im Laufe der Wissenschaftsgeschichte als unhaltbar erwiesen hat, ist sie nach wie vor gesellschaftlich tief verankert. Mehr noch: Statt als überholt ad acta gelegt zu werden, hat sie sich in den vergangenen 100 Jahren zu einer umfassenden, technokratischen Mythologie ausgeweitet, die alle Lebensbereiche durchzieht, von der Medizin über die Ökonomie und die digitale Sphäre bis zum „Geo-Engineering“………..Es verhält sich ähnlich wie mit den Erzählstrukturen in Filmen, Romanen und Märchen…..

…..In ähnlicher Weise wird die technokratische Ideologie selten ausdrücklich benannt, sondern liegt als unhinterfragte Struktur unseren Institutionen und unserer täglichen Praxis zugrunde. Wir werden sie daher in diesem Kapitel als integralen Teil eines historischen Systems zu verstehen versuchen, das weitgehend unreflektiert funktioniert. dabei treten drei zentrale Ideen zutage:

  1. Das Mess- und Zählbare hat einen höheren Realitätsstatus als die erlebten Qualitäten unserer Wahrnehmung. Was gemessen und gezählt werden kann, ist objektiv vorhanden, die qualitativen Wahrnehmungsinhalte dagegen sind bloß „subjektiv“ in unseren Köpfen.
  2. Die Welt besteht aus zerlegbaren Einzelteilen und lässt sich entsprechend beliebig neu zusammenbauen („Lego-Welt“)
  3. Die Welt gehorcht im Wesentlichen linearen und deterministischen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen und kann daher planmässig gesteuert werden.

Alle drei Behauptungen, auf denen die technokratische Ideologie beruht, sind nachweislich falsch. Erstens ist die Welt der erlebten Qualitäten unsere primäre Wirklichkeit, sie ist das Einzige, an dessen Essenz wir nicht sinnvoll zweifeln können. Alle wissenschaftliche Forschung beruht auf Systematisierungen und Abstraktionen dieser Wahrnehmungen. Zwar sind unsere Wahrnehmungen bereits selbst Co-Kreationen der Welt und keine „naturgetreuen“ Abbildungen. Aber das ändert nichts daran, dass sie unser primärer Zugang zur Wirklichkeit sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse liegen nicht vor dieser Ebene, sondern dahinter, sie sind Interpretationen der Interpretationen.

Zweitens besteht die Welt, das hat die Quantenphysik deutlich gemacht, in ihren innersten Strukturen nicht aus isolierbaren, materiellen „Bausteinen“ sondern aus einem Netz energetischer Beziehungen, das im Prinzip das ganze Universum miteinander verbindet. Auf biologischer Ebene kommt hinzu, dass Leben auf selbstorganisierenden Ganzheiten beruht, von der Zelle bis zu grossen Ökosystemen und der Erde in ihrer Ganzheit. Aus diesen Ganzheiten lassen sich nicht einzelne Teile beliebig herausreissen und rekombinieren, ohne die komplexen, grösseren Gefüge zu zerstören.

Und drittens beruht Leben – das gilt sogar für einige physikalische Phänomene, die wir nicht zum Leben zählen – auf nichtlinearen, nichtdeterministischen Ursache-Wirkungs-Ketten. Leben ist durch Bedeutung organisiert, nicht durch mechanische Stösse.

Warum die technokratische Ideologie noch immer so verbreitet und wirkmächtig ist, warum in Schulbüchern noch immer von „Bausteinen der Materie“ gesprochen wird, obwohl diese Vorstellung schon vor 100 Jahren spektakulär gescheitert ist, warum Hirnforscher nach wie vor unwidersprochen verkünden, sie seien mit bildgebenden Verfahren den „letzten Geheimnissen unseres Gehirns“ auf der Spur, obwohl der Ursprung des Bewusstseins heute so rätselhaft ist wie zu Moses‘ Zeiten , all das lest bitte in diesem grandiosen Buch von Fabian Scheidler „Der Stoff aus dem wir sind“ nach, ein Buch, das jede und jeder unbedingt und ohne Ausrede heute gelesen haben muss, um zu erkennen und zu verstehen, wer wir sind, wo wir sind und warum wir hier in diesem gigantischen Schlamassel gelandet sind, in dem wir nun mal sind und wie wir noch irgendwie die Kurve als Menschheit auf diesem Planeten kriegen können wenn wir nur wirklich wollen. Ein Buch von dem Ernst Ulrich von Weisäcker sagt.„Dieses Buch ist ein grosser Wurf“

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pimpmyband11

Alexander A. Deutsch UMAN United Music Angels Network moerdermusic productions & international artist development music . consulting . production . lectures . kick ass drums https://pimpmyband.live www.cafedrechslerband.com www.bartolomeybittmann.at www.facebook.com/alexander.a.deutsch

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