# 115 „Zeit“

Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen. Lucius Annaeus Seneca

Wir haben ja noch Zeit. Das machen wir „dann“. Warten bis zum St. Nimmerleinstag. Kommt Zeit, kommt Rat. Schneller und als möglichst „Erster“ dort sein, wo immer „dort“ sein soll – da gehen ja besonders derzeit aus den besten Gründen sowohl die Wahrnehmungen, die Erkenntnisse, die Zwänge und damit zu glauben sobald wie nur irgendwie möglich, unter allen Umständen oder eben auf keinen Fall und unter keinen Umständen in diverse alte Gewohnheiten, Verhaltensmuster, Glaubenssätze und Normalitäten wieder zurückkehren zu müssen oder zu können, die Wissenschaften, die Vorstellung von der Art und Weise weiter wirtschaften zu müssen oder auf gar keinen Fall mehr so weiter wirtschaften zu dürfen und zu können, die Art und Weise wie wir Mensch, die Natur, das Leben, und zwar aller bis dato noch nicht ausgerotteter Lebewesen und ein würdiges Menschenleben definieren wollen, diametral auseinander.

„dann“

Ich habe gerade, jetzt, keine Zeit, was ja durchaus richtig ist, denn wer im JETZT lebt und zu sein weiss, braucht sich um die Illusion Zeit weder zu sorgen, noch zu kümmern, weil sie im JETZT, diesem winzigen Punkt, dem Moment, diesem Augenblick auf der Zeitachse schlicht und einfach als Strecke zwischen zwei verschiedenen, angenommenen Zeit – Punkten, nicht ist. Die Zeit zerrinnt mir zwischen den Fingern. Wo ist die Zeit nur hin? Die Zeit vergeht viel zu schnell und scheinbar immer schneller. Die ganze Zeit habe ich mit diesem und jenem vergeudet oder in dieses oder jenes sinnvoll investiert. Was für eine schöne Zeit wir hatten und was für schwierigen Zeiten das jetzt sind. Zeit im Bild.

„Zeit im Bild“

Das wertvollste in diesem Leben soll ja angeblich Zeit sein. Kann man so sehen: ich finde allerdings: das wertvollste im Leben ist das lebendige Wunder Leben selbst, und wenn man liebt und in dem aufgeht, womit und mit wem man dieses Leben verbringt, egal wie lange es auch dauern mag, und sei man es nur mit einem selbst in bester Gesellschaft, scheint auch die Zeit kaum bis gar nicht zu vergehen, ja: still zu stehen. Ein Umstand, den wir alle kennen und warum eigentlich jede und jeder weiss, dass Zeit eine zwar perfekt getarnte Illusion aber eben nichts anderes als eine Illusion ist, weil sie sich eben im Nu in genau das auflösen kann, was sie ist: Nichts.

„Nichts“

Für mich einer der nach wie vor tollsten und besten Songs, den die Singer Songwriterin und Künstlerin Anna F., jetzt http://www.friedbergmusic.com , mit der ich jahrelang als Artist Developer, Musical director, Produzent, Manager und als Mentor zusammenarbeiten durfte, je geschrieben hat, hiess „Time stands still“.

„Time stands still“

Als Schlagzeuger, der von sich selbst lange behauptet und geglaubt hat, unter anderem auch so etwas wie ein Zeit Experte, ja sogar etwas wie ein regelrechter Zeit – Messer oder Vermesser zu sein, jemand, der durch die Kenntlichmachung des, wie man zu sagen pflegt: Pulses der Zeit diese spür- , hör, und fühlbar machen zu können, ist es , und dessen bin ich mir schon voll bewusst, eine sehr verwegene Herangehensweise, zu behaupten bzw. darauf hinzuweisen, dass Zeit nichts anderes als eine zwar messbare, aber nichts desto Trotz hartnäckige Illusion ist. Vielleicht mag das auch daran liegen, dass man besonders als Schlagzeuger, als Musiker im Allgemeinen in den der – Zeit immer noch vorhandenen Ausbildungsmodellen man extrem angehalten wird, die Zeit sozusagen „zu halten“ auf englisch: „to keep the time“, am besten in feinster Abstimmung mit einem mathematischen Zeitmesser namens „Metronom“, analog oder digital: egal!

egal!

Da darf und muss ich jetzt allen angehenden Schlagzeugern, Musik Studierenden und ein Instrument oder Gesang lernenden der von ihren Ausbildnern, Lehrenden und Unter – Richtenden mit Angst, Verzweiflung, Terror und Panik aufgeblasenen Segel durch die schlimmsten metronomischen Stürme nehmen und zur Beruhigung einmal folgendes feststellen und sagen: die Zeit muss niemand halten, die hält sich, wenn überhaupt, schon selbst. „you don’t have to keep time, time simply keeps itself. Lasst das mal in aller Ruhe sickern, und zwar ganz auf den Erdboden eurer nackten, menschlichen Realität.

die Zeit hält sich selbst…..

Die Zeit hat keinen Puls, also kann man ihn auch weder veranschaulichen, noch messen, noch sonst irgendetwas. Die Uhr tickt – ja, aber das tun manche bis viele von uns auch, und viele von uns meistens , zumindest bei Zeiten, auch „nicht ganz richtig“ 😉 Aber alles, was lebt, hat einen Puls, egal um welche Lebewesen es sich handelt. Und genau dieser Puls, dieser Beat, der Rhythmus des Lebens ist es , was man tatsächlich hör-, spür- und fühlbar machen kann. Ein Bach, ein Rinnsal, ein Bächlein, ein Fluss, ein Strom fliessen und zwar mit verschiedenster Intensität, Lautstärke, Energie und verschiedenstem Tempo. Das Bächlein eher wie eine Fuge von Johann Sebastian Bach, ein Klarinetten – Fagott Divertimento oder eine kleine Nachtmusik von Mozart, ein Fluss eher breit und gemächlich wie eine „Moldau von Friedrich Smetana“ oder „Another Brick in the Wall“ von Deep Purple oder der relativ neue Titel „Higher“ von Eminem.

der Puls des Lebens

Die Kunst, oder sagen wir besser: die Aufgabe oder Herausforderung ist, sich einfach , möglichst ohne viel rumzudenken oder zu zweifeln, in den Flow, in das jeweilige Tempo eines Baches oder Flusses, in die Musik einer Band, eines Chores oder einem Orchester, einzuklinken, oder in einen Zug mit einer gewissen Geschwindigkeit einzusteigen und in dem selben Fluss und Zug einfach bis zur Ankunft in breiteren Gewässern oder am Bahnhof mit zu schwimmen, mit zu fahren – drinnen zu bleiben, ausser es soll, darf, und will – Accellerando – Ritartando – schneller oder langsamer werden, wie das bei den diversen Pulsen und Rhythmen eben immer wieder der Fall ist. Bei Aufregung, Gefahr, Angst, emotionaler Erregung jeder Art wird der Puls eben schneller, bei Beruhigung, im Schlaf, Entspannung , Meditation, Yoga und Fernsehen wird er wieder langsamer. Nicht mehr und nicht weniger.

„the flow“ – im selben Fluss bis zu den ruhigeren Gewässern mitschwimmen

Die irre Annahme, besonders als Schlagzeuger, als drummer so etwas wie ein Zeit – Messer und Halter zu sein oder sein zu müssen, um als dezidierte Hauptaufgabe die „Illusion“ Zeit – die „time“, „timing“, das Tempo unter allen Umständen halten zu müssen, kann durchaus als musikalische Zwangsneurose bezeichnet werden. Seit scheinbar ewigen Zeiten als Opfer des analogen Zeitmessers, der Uhr und dem Zeitzerhacker namens Metronom. mechanisch oder digital. egal!

„keep the time“

Der Oberstress und Überhorror kam mit der Erfindung der Drum Computer, den digitalen, elektronischen, angeblich perfekten Zeitzerhackern. Da hat man uns analogen Schlagzeugern prophezeit, dass unsere „Zeit“ jetzt endgültig vorbei sei, und man uns über kurz oder lang in allen Studios der Welt mit diesen programmierbaren und wesentlich kostengünstigeren Zeit – Haltern ersetzen wird. Das war in den 80igern, also vor inzwischen über 40 Jahren. Eine endlose Zahl von Studiosessions als analoger drummer, Tausenden von Live Konzerten später, wo ich mir zwar immer wieder mit Drumcomputern und Sequenzern die Bühne teilen, aber nie bis kaum Computern auf der Bühne Platz machen musste, kann ich sagen, dass diese Prophezeiungen, wie viele andere auch, reinster Bullshit waren. Menschen lieben nach wie vor Live! Konzerte, heute mehr denn je, lieben wahrhaftige Musiker mit echten Instrumenten, und einzigartige Stimmen, und diese auch tatsächlich beherrschen, mit Bravour singen und spielen können, die noch wirklich voller Begeisterung und Enthusiasmus sic dem Musik machen hingeben können, „real people doing real things really good „- und ich freue mich immer wieder, nach wie vor einer dieser real people sein zu dürfen.

„real people“ – Foto © Eckhart Derschmidt

Der Groove ist ja noch ein ganz eigenes, regelmässig unregelmässiges , rhythmisches Monster ganz für sich. Fast alles, was richtig böse groovt ist zwar nicht perfekt, aber es versetzt eure Ärsche und Beine in Bewegung und lässt euch tanzen bis der Arzt kommt. Mit all den genialen Jam Bands, von „Pink Inc.“ mit dem genialen Basser und Buddy Jamaaladeen Tacuma, dem Saxophonisten George Garzone und später mit dem Keyboarder und Sänger Delmar Brown, mit denen wir eine ganze Europa Tour für die Groove und Funk Monster “ George Clinton und Parliament Funkadelic“ als Opening Act in den 90ies durch riesige Konzerthallen eröffnen und begleiten durften, wo ich allabendlich die most funky Beatz on this planet des „Motherships“ und deren einzigartige Groove in mich reinrauchen, reinsaufen, reinfressen, eintauchen und assimilieren durfte…..

„Pink Inc.“ mit Jamaaladeen Tacuma & Delmar Brown – Foto © Gernot Muhr

…..über „Funky Groove Jet“ mit den Bassern Yossi Fine & Freddie Cash, meinem NYC Buddy Teddy Kumpel an der Gitarre, dem späteren Prince Posaunisten Greg Boyer, Uli Drechsler am Tenorsax , der Sängerin Arnaé, dem Grazer DJ Turnmaster Tim und dem Ex Arrested Development Member und aktuellen Produzenten von Alicia Keys und Eminem, Mark Batson als Freestyle Rapper und Keyboarder bis zu „Café Drechsler“ mit meinen Freunden Uli Drechsler und Oliver Steger, wo wir gerade an unserem 20jährigen Jubiläumsalbum basteln, ist das neben meiner Liebe zur Klassik, zum Jazz und zu meinen Irdninger, obersteirischen Kindheits – Roots in der richtigen, echten Volksmusik noch immer mein Teich, mein Pond, in dem ich bis heute, neben der Donau, am liebsten bade und schwimme, ohne dass auch nur eine einzige, mir tatsächlich bewusste Sekunde Zeit je dabei ver – gangen wäre. Bitte checkt dazu meinen Blog #18: „Was ist eigentlich der Groove und wie kickt er uns in den Arsch?“ https://pimpmyband.live/2018/02/25/18-was-ist-eigentlich-der-groove-wie-wann-kickt-er-uns-in-den-arsch/

„Funky Groove Jet“ – Foto © Gernot Muhr

Dann kam die nächste, mächtige und vieles verändernde Geschäftsidee einer riesen Welle der Homestudios, Studio Equipment, welches immer günstiger und billiger wurde und beinahe jedem die Möglichkeit gab, zu Hause aufzunehmen , zu programmieren und zu produzieren. Computerprogramme wie Cubase, Pro Tools und wie sie alle heissen sowie unzählige, ebenfalls immer erschwinglichere Sound Daten Banken, wo nach geraumer Zeit alles immer ähnlicher zu klingen begann, weil ja alle die mehr oder weniger selben Programme und Sounds verwendeten und alle sich gefangen nehmen liessen in den Rastern der zerhackten Zeit, sich die Ohren an eigentlich qualitativ beschissenen Sound via mp3s, earplugs und Handies zum einen und die Seele an eine technoide, technokratische, programmierte, groove und seelenlose Zeitzerhackung gewöhnen lernen mussten, was inzwischen in diverse für jeden noch so billigen, belanglosen Schrott selbst komponierende Musikprogramme und Apps mündete, nur weil wir gezwungen wurden uns in kleinen Schritten auf die drastische Reduktion und Minimierung von Qualität, Sound, Seele, Wahrhaftigkeit und Groove in der Musik zu gewöhnen, damit schlussendlich derartige Menschen-, Herz-, Seelen- und Musik- sowie Lebensfeindliche, aber Kassen – und Profitfreundiche Geschäftsmodelle überhaupt eine Chance bekommen konnten, Platz zu greifen. Digitalisierung schau owa!

…..ein analoger Raum © Jazz Fest Wien / Solokonzert im Alten Rathaus 2019

Zeit ist Geld. Zeitzonen, Jahreszeiten, Zeitmangel, es wird Zeit, Lebenszeit, zeitlos, Zeitmanagement, Zeitvergeudung, reine Zeitverschwendung, gerade noch in der Zeit sein, Bestzeit, Herbstzeitlosen – nicht umsonst eine meiner Lieblingsblumenarten, das war eine andere Zeit, Neuzeit, Hochzeit, es kostet ja nicht die Welt, spare in der Zeit, dann hast Du in der Not, Zeitnot, jetzt wäre es aber an der Zeit, das waren noch Zeiten, ich wünschte, ich hätte mehr Zeit – hast Du! Ich , Du, jede und jeder von uns hat alle Zeit der Welt, wenn wir lernen, sooft, soviel und so hingebungsvoll und achtsam wie möglich im JETZT zu leben, der einzige Zeit – Punkt, an dem sie nie vergeht , weil sie dort nicht ist – die Zeit. Der Punkt ausserhalb von jedem „dann“, jedem später, jedem nachher – denn „dann“ ist es leider oft zu spät für ein JETZT.

„JETZT“

„Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, wir laufen nur eiliger an ihr vorbei.“ George Orwell

Veröffentlicht von

pimpmyband11

Alexander A. Deutsch UMAN United Music Angels Network moerdermusic productions & international artist & project development music . consulting . uncoaching, production . lectures . kick ass drums https://pimpmyband.live www.cafedrechslerband.com www.facebook.com/alexander.a.deutsch https://eiblinskidrums.com/2018/07/19/im-gespraech-mit-alex-deutsch we are the seeds of awakening in a sleeping world So, Don't Sleep!!!

Ein Gedanke zu “# 115 „Zeit“”

  1. was war das für eine Zeit – mit allem Drum und Dran – als Eltern diese – Zeit mitzutragen, mitzuerleben, auszukosten – – – undenkbar . . . dieser Rückblick vom Verfasser dieser Zeilen – – – aufwühlend mitreissend, nachdenkend, mich ausruhend . . .
    eine Mutter – – –

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